Argumentation

Zunächst gilt es zu wiederholen, dass das Konzept der Mehrsprachigkeit jenes der sprachlichen und kulturellen Vielfalt umfasst.

Was ist der Zusammenhang zwischen Sprache, bzw. Mehrsprachigkeit, und Entwicklung?

Diese Fragestellung kommt einer Provokation gleich, sofern man sagen könnte, dass man nicht weiß was Sprache ist, wenn man den Zusammenhang zwischen Sprache und Entwicklung nicht versteht.

 

1. Schwerpunkt – Sprache

Entgegen dem was Linguisten seit Generationen gelehrt haben, ist die Sprache ein Instrument des Denkens, noch bevor sie ein Mittel der Kommunikation ist. Ohne sich in die fruchtlose Debatte zu stürzen, ob Denken unabhängig von der Sprache existiert, ist es eindeutig, dass Sprache und Denken so eng miteinander verbunden sind, dass das Eine nicht ohne das Andere existieren kann. Wygotskis sehr genauer Formulierung zufolge "drückt das Denken sich nicht im Wort aus, sondern es vollzieht sich in ihm".

Daraus folgt eine beachtliche Kette von Konsequenzen, die zur Schlussfolgerung führen, dass die Sprache eine grundlegende Dimension der modernen Neuformulierung der nachhaltigen Entwicklung ist.

Indem wir also eine ganze Reihe von nicht erschöpfend abgedeckten  Problemstellungen erwähnen, laden wir unsere zukünftigen Redner dazu ein, die generell vergessene sprachliche Dimension der nachhaltigen Entwicklung zum Vorschein zu bringen.

 

2.Schwerpunkt – Bildung

Es ist ziemlich logisch mit dem Erlernen der Sprache und der Muttersprache zu beginnen.

Die ersten Sozialisierungsetappen eines Kindes verlaufen über die körperliche Ausdrucksweise und über die Muttersprache, aber da die Muttersprache weit entfernt sein kann von der Sprache, die das Kind nachher lernt, besonders in der Schule, ist das Zusammenspiel zwischen der Muttersprache, oder der Sprache, die zuhause gesprochen wird, und der Sprache, die in der Schule gelehrt wird, in vielen verschiedenen Zusammenhängen eine heikle Phase  in der Entwicklung des Kindes. Es ist sehr wichtig diese Vielfalt zum Vorschein zu bringen, weil diese Frage keineswegs neu ist : wir wissen ja, dass sie Gesellschaften und Jahrhunderte durchzieht.

Die individuelle Dimension ist bedeutend, aber das gilt auch für die gesellschaftliche Dimension. In der Tat spielt die Sprache eine wichtige Rolle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, aber das tut sie auch vom Sichtpunkt der Wandelfähigkeit der Gesellschaft und der Schnelligkeit der Änderungen, die die Gesellschaft fähig ist zu ertragen. Die Sprache ist ein entscheidender Faktor für das Verstehen und den Verkehr von Ideengut, Bildern und Informationen. Ohne Sprache, gibt es diesen Austausch nicht, oder er verläuft viel langsamer. Beispielsweise ohne Sprache gegen eine Seuche kämpfen ist problematisch. Ohne Sprache wäre es undenkbar in Katastrophenfällen zu reagieren.

Immerhin, wenn man von Sprache spricht, handelt es sich um die Verständigung und um alles was von der Sprache bedingt ist. Man kann nur reagieren, wenn man versteht, was passiert.

 

3. Schwerpunkt – Sprachen und sprachliche Vielfalt in der Wissensgesellschaft

Kultur ohne Sprache existiert nicht; sie wäre unmöglich.

Wir sind gezwungen dies zu wiederholen, aufgrund der jüngsten Veränderungen, die Konzepte infrage stellen, die bis jetzt hintergründig waren, weil sie einen Zustand der Welt beschrieben, der selbstverständlich war und den man daher nicht hinterfragen musste.

Diese Veränderungen haben mehrere Jahrhunderte gebraucht bis sie uns – wie es die Kommunikationsgesellschaft fordert – als Neuheiten erschienen. Es muss Kontakt zwischen vielen Sprachen bestehen, damit man sich die Frage nach der sprachlichen Vielfalt stellt und danach, was eine Sprache in Wirklichkeit ist. Jedoch sind Betrachtungen über die Sprache quasi abwesend in dem, was man Allgemeinbildung nennt.

Die Schrift ist nichts Neues, aber bisher konnte die zivilisierte Gesellschaft trotzdem mit größtenteils analphabetischen Volksmassen funktionieren. Von dem Moment an, wo man fähig war zu sprechen, konnte man leben, ohne weder schreiben noch lesen zu können. Die Gesellschaft beruhte auf dem Prinzip der allgegenwärtigen Mündlichkeit.

Heutzutage ist das nicht mehr möglich.

Die Mechanisierung und die Ausweitung des Dienstleistungssektors bewirken, dass alle Berufe, selbst die handwerklichsten, ohne Schrift nicht auskommen.

Man muss sich also Gedanken über die Tragweite dieser tiefen sozialen Veränderung machen, gerade an einem Augenblick, wo paradoxerweise die Qualität der Sprache eher dazu neigt zu verkümmern, vielleicht weil man fälschlicherweise glaubt, dass das Bild den Text ersetzen könnte.

 

4.Schwerpunkt – Sprachen und Globalisierung : zwischensprachliche Kontakte und Entdeckung der Vielfalt

Andere bedeutende Phänomene jedoch begleiten die Globalisierung.

Sicherlich geht die Globalisierung weit zurück, aber so stark wie in den letzten Jahrzehnten waren die Bevölkerungen mit ihren einzelnen Sprachen noch nie in gegenseitigem Kontakt, sei es durch Handel, der alle Stadien des wirtschaftlichen Zyklus betrifft, vom Rohstoff bis hin zum fertigen Produkt; oder in der Arbeitswelt, wo ein immer größer werdender Teil der Arbeiter in direktem oder indirektem Kontakt mit mehr oder weniger entfernten Geschäftspartnern stehen, selbst innerhalb einer gleichen Firma, egal ob es sich um einen multinationalen Konzern handelt oder nicht, oder ob sie sich am gleichen Arbeitsplatz befinden oder nicht. Das Unternehmensmanagement hat also heutzutage auch eine sprachliche Dimension, die ununterbrochen bedeutender wird, und doch in den Handelsschulen weitestgehend  unterschätzt wird. Die Tourismusentwicklung ist ebenso eine Revolution, die mit der Revolution des Transports und der Lebensweise verbunden ist, und deren sprachliche und kulturelle Dimension nur allzu offensichtlich ist. Die digitale Entwicklung –  eine Revolution, die sich mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichen lässt – erleichtert und beschleunigt den Verkehr von Ideengut, und verstärkt zugleich die Bedeutung der Schrift, der Sprache und der Übersetzung, was manchmal auf die anfälligsten Bevölkerungen schwere Wirkungen hat.

Aber an die  Beziehungen zwischen den Bevölkerungen von der Perspektive von Handel, Tourismus und Digitalisierung heranzugehen, vermittelt eine friedliche und sehr unvollständige Scheinwirklichkeit.

Nicht alle Völkerwanderungen haben Tourismus als Ursache und wirtschaftliche oder politische Migration führt zu neuen Herausforderungen sowohl für die Betroffenen, wie auch für die Gesellschaften, die sie aufnehmen. Der Kontakt zwischen starken und schwachen Sprachen kann zum Verschwinden letzterer und somit zur Zerstörung der Vielfalt führen.

 

5. Schwerpunkt – Mehrsprachigkeit und Nationalstaat

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden die sogenannten Nationalbewegungen. Kurz gefasst war der Antrieb dieser Bewegungen die Emanzipation jener Völker, die  den großen multinationalen Reichen, wie Österreich-Ungarn oder dem osmanischen Reich, angehörten. Daraus ergab sich eine Verschärfung des Grundsatzes des Nationalstaats, dem zufolge ein Volk, ein Staat und eine Sprache sich decken sollten. Das heißt es geht darum innerhalb eines einzigen Staats ein durch seine Sprache identifiziertes Volk zusammenzuführen.

Dies ist eine komplexe Frage, weil die sprachliche und politische Geschichte nicht immer ganz übereinstimmen, selbst wenn sie sehr oft eng miteinander verknüpft sind. Sprachen hängen nicht immer von Grenzen ab und Staaten sind öfter mehrsprachig als einsprachig. Die Idee, dass Demokratie einzig durch den Willen des Volkes und die Meinungsäußerung der Bürger existiert und dass Sprache ein unumgängliches Mittel zu dieser Meinungsäußerung ist, führt dennoch  dazu in der Sprache die Grundlage jeder demokratischen Meinungsäußerung und gleichzeitig eine Bedingung des sozialen Zusammengehörigkeit zu sehen.

Es ist einfach zu verstehen, dass die Anwendung dieser Grundsätze, deren Rechtmäßigkeit nicht infrage gestellt wird, mit der Komplexität der historischen Erfahrungen zusammenstößt und deshalb, dass um die Sprache, die meistens weder der alleinige noch der Hauptgrund der Konflikte ist, doch fast immer gestritten wird. So steht die Mehrsprachigkeit in Verbindung mit Krieg und Frieden, sowie mit Identitätsspannungen. Und es ist klar, dass Krieg und Frieden in Verbindung mit nachhaltiger Entwicklung stehen, sowie mit Entwicklung im Allgemeinen.

 

6. Schwerpunkt – Die Mehrsprachigkeit, eine philosophische Frage

Aber wenn man in Kontakt mit Sprachen steht, wird man dazu gebracht grundlegende philosophische Fragen neu zu stellen, deren sprachlicher Aspekt am Rande gehalten wurde und der oft in einer Art Schlafzustand ist. Alle Sprachen sind das Produkt verschiedener historischer Erfahrungen. Und sie können alle den Anspruch auf eine gewisse Weltansicht erheben. Aber keine kann den Anspruch erheben die einzige Wirklichkeit zu sein. Dies führt zu der Frage der philosophischen Sockel der Einsprachigkeit und der Herrschaftsansprüche, die die Einsprachigkeit begleiten, meist selbst ohne das Wissen derer, die ihre Protagonisten sind. Sich die Frage nach der philosophischen Triebfeder der Sprachenvielfalt und der Mehrsprachigkeit zu stellen ist also sehr nützlich. Man muss sich auch die Frage der Ökonomisierung des Wissens in der Forschung und im Hochschulwesen und deren Auswirkungen auf die nachhaltige Entwicklung und die sprachliche und kulturelle Vielfalt stellen.

Anbei findet man eine Themenliste, die nicht den Anspruch erhebt vollständig zu sein, die aber mancherlei Überlegungspfade aufzeigt, über die jeder seinen eigenen Weg finden könnte.

 

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